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16. April 2013

Das bewegte Klassenzimmer

Jona, Johanna, Milan, Franziska und Felix haben sich verabredet: Nach der letzten Stunde wollen sie aus den Bänken im Klassenzimmer etwas bauen: den Parcours, mit dem morgens der Unterricht in der 1. Klasse beginnt.

Kaum haben die Kinder der 1. Klasse am Ende des Schultages den Raum verlassen, machen sie sich die fünf an die Arbeit. Sie entwickeln Ideen, überlegen, wie es am besten zu machen ist und beginnen eifrig mit der Arbeit. Sitzkissen werden aus dem Weg geräumt und auf dem Regal am Rand ordentlich aufeinander gestapelt. Bänke werden herbei getragen, aneinander gereiht, aufeinander gestellt, zu Balancierbalken, Rutschen, Toren, Tunnel, Höhlen oder Hindernissen aufgebaut. Gemeinsam werden Bänke hoch gewuchtet und verankert, wird ausprobiert, verworfen und neu konstruiert. Schließlich wird alles abgesichert mit rutschfesten Unterlagen, auf Standfestigkeit überprüft und jubelnd ausprobiert.

Täglich entsteht etwas Neues. Ein Geschicklichkeitsparcours mit verschiedenen Ebenen, eine Treppe über vier Etagen mit einer Rutsche in einen riesigen Kissenhaufen, eine Höhle mit zwei Etagen.

Seit diesem Schuljahr gibt es auch an unserer Schule das sogenannte „Bewegte Klassenzimmer“, ein Unterrichtsmodell, das seit einigen Jahren an zunehmend mehr Waldorfschulen eingeführt wird.

Der ursprüngliche Impuls kam wohl aus Schweden. Maßgeblich für die deutschen Waldorfschulen war das „Bochumer Modell “. Als Antwort auf die Situation der Kinder von heute entwickelte man an der Bochumer Waldorfschule ein Konzept, das es ermöglichen will, Sinnesentwicklung, Bewegungsfähigkeit, Bindungsvermögen, Sozialverhalten und Rhythmusfähigkeit als Basis für das Lernen nachreifen zu lassen.

Nachdem an unserer Schule Veränderungen in der Ober- und Mittelstufe eingeführt worden waren, begann das neu entstandene Unterstufenkollegium innerhalb der Schulentwicklungskonferenz die Möglichkeiten struktureller Veränderungen zu bewegen.

Durch die Herabsetzung des Einschulungsalters kommen immer jüngere Kinder zu uns. Dies und die Situation, dass Kinder heute weniger Bewegung haben, macht eine Veränderung des herkömmlichen Unterrichts nötig.

Um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen, aber auch für Aufmerksamkeit, Leistungsfähigkeit, Selbstvertrauen und innere Freiheit brauchen die Kinder ein stabiles Fundament ihrer Körpersinne (Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn und Gleichgewichtssinn). Dies wird nur durch Bewegung erreicht. Die heutige Lebenswirklichkeit bietet dazu wenig Gelegenheit oder ist einseitig, also muss dies in der Schule nachgeholt werden.

Um mehr Platz für Bewegung zu schaffen, wurden die Tische und Stühle aus dem Klassenzimmer der neuen ersten Klasse verbannt und durch Bänkchen und Sitzkissen ersetzt. Diese haben den Vorteil, dass sie nicht nur zum Sitzen und Arbeiten, sondern sehr vielseitig genutzt werden können. Der Raum ist ausgelegt mit einem Teppich und darf seither nur noch mit Hausschuhen betreten werden. (Schon die Sauberkeit des Fußbodens ist dem Tastsinn förderlich.)

Jeder Schulmorgen beginnt mit einem Parcours, der verschiedene Herausforderungen bietet: Balancieren und Klettern in verschiedenen Höhen, Krabbeln und Robben durch Höhlen und unter Balken hindurch, Hüpfen, Springen, Ringen und Kissenkampf.

Kurz nach 8 Uhr wird alles gemeinsam abgebaut und die Bänkchen zu einem Kreis aufgestellt. Nun sitzen die Kinder auf den Bänken, jedes auf seinem festgelegten Platz. Der Kreis bietet Möglichkeiten der gegenseitigen Wahrnehmung, Gespräche, aber auch für Tänze, Spiele und verschiedene Bewegungsaufgaben wie Seitgalopp, Hopserlauf, Rollen, Entspannung, Rechnen in Bewegung, ... Der rhythmische Teil des Unterrichts ist vielfältig, ausgelassene Bewegungen wechseln mit ruhigen Phasen und Gesprächen.

Danach gibt es einen erneuten Umbau zu Reihen, die frontal zur Tafel ausgerichtet sind. Die Kinder holen sich ein Sitzkissen und ihren Ranzen, nun beginnt die Arbeit an der Tafel und im Heft. Jetzt sind die Bänkchen Tische, an denen die Kinder, rittlings auf ihren Kissen sitzend, arbeiten.

Soweit der Hauptunterricht. Aber auch in den Fachstunden bietet das bewegliche Mobiliar eine Fülle von Möglichkeiten.

In der ersten Klasse sind wir 35 Kinder und zwei Lehrerinnen. Der Umbau von einer Organisationsform zur anderen dauert nur wenige Minuten und die Kinder sind anschließend sofort auf die nächste Aufgabe gerichtet.

Ich empfinde das Bewegte Klassenzimmer mit seinen vielen Möglichkeiten als einen Segen. Der Unterricht ist methodisch sehr bewegt, wir haben Platz und können schnell neue Organisationsformen bilden. Und keiner fällt mehr vom Stuhl!

In dem ersten halben Jahr seit der Einschulung haben die Kinder sich motorisch deutlich entwickelt, vor allem beim Gleichgewicht wird dies augenfällig. Fiel es den meisten anfangs noch schwer, freihändig über den schmalen Balken einer umgedrehten Bank zu balancieren, tun sie dies jetzt leichtfüßig sogar rückwärts und wagen sich mittlerweile über hohe schmale Brücken und auf Türme.

Der Unterricht beginnt bei uns deutlich vor 8 Uhr. Eine halbe Stunde vorher sind die ersten da und versuchen, den vorgefundenen Parcours noch zu verbessern, etwa, indem Höhlen eingebaut werden. Kinder anderer Klassen stehen in der Tür und schauen sehnsüchtig zu, wie die Erstklässler und Erstklässlerinnen turnen, aber hereinkommen dürfen sie nicht, schließlich haben sie keine Hausschuhe an...
Wenn dann mit der 5. Stunde der Schultag endet, bleiben zunehmend mehr Kinder da, um zu bauen. Heute haben Lena, Johanna, Jona, Milan, Felix, Franziska, Laura und Tashi eine Geisterbahn gebaut, mit einer Rutsche in einen „unterirdischen“ Gang. Die Gardinen sollen geschlossen bleiben, schließlich muss es in einer Geisterbahn dunkel sein.

Welche wertvollen Kompetenzen sie da entwickeln: gemeinsame Ideenfindung, Handlungsplanung, Absprachen und Aufgabenverteilung, Problemlösungen, Teamarbeit, Ergebnispräsentation, verbale Darstellung des Vorgehens – und das ohne methodisch-didaktische Anstrengungen!

Was sie wohl morgen bauen?

von Systa Petersen

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