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Das IWO in China

In der Volksrepublik China hat sich die Waldorfschulbewegung so rasant entwickelt, wie in keinem anderen Land der Welt. Gab es im Jahr 2011 eine einzige Waldorfschule in Chengdu, so waren es drei Jahre später bereits 51 Schulen. Inzwischen sind es über 70. Hinzu kommen 300 Kindergarten-Gruppen.

Wie ich in diese Entwicklung mit hineingezogen wurde, erzählt folgende Geschichte:
Vor 10 Jahren, also 2006, unterrichtete ich in der Ottersberger Waldorfschule eine dritte Klasse. Da klingelte eines Abends das Telefon. Herr Densch, ein alter Waldorflehrer aus Bremen, bat mich, Herrn Wang, einen Chinesen,  in meiner Klasse ein Praktikum machen zu lassen. Man müsse doch etwas für die Waldorfpädagogik in China tun. So kam Herr Wang zu uns in die 3. Klasse. Er lehrte uns  im Hauptunterricht, wie man chinesische Schriftzeichen schreibt. Danach verschwand er. Wir haben nichts mehr von ihm gehört.

Als unsere Waldorfschule vor einigen Wochen ihr 70-jähriges Bestehen feierte, wurde ich gebeten dorthin zu kommen. Da sei ein Chinese, der mich unbedingt sprechen wolle. So lernte ich Herrn Liu kennen. Er richtete mir Grüße von Herrn Wang aus. Der  habe  vor 5 Jahren in Peking die erste Waldorfschule gegründet  und mit seinem Freund auch ein Waldorflehrerseminar. Die Waldorfschulbewegung sei in China im Aufwind. 50 Schulen seien im Aufbau. Es gäbe zu wenig Waldorflehrer und das Problem sei die Waldorflehrerausbildung. Zwar kämen immer wieder Dozenten Neuseeland, Australien, Deutschland und Amerika aber das sei längst nicht ausreichend. Wir hätten hier in Ottersberg doch auch ein Lehrerseminar, das IWO, in dem ich Dozent sei. Ob ich nicht auch mal nach Peking kommen könne.

Einige Tage später bekam ich eine entzückende Mail aus Peking in der Shoumao Wang mich herzlich einlud, doch nach Peking zu kommen, um ihn in seinem Unterricht der jetzt 6. Klasse zu beraten und, wo möglich, auch im Lehrerseminar etwas über die Grundlagen der Waldorfpädagogik zu erzählen. Die Kosten für den Flug würde er übernehmen und für eine gute Übersetzerin vom Deutschen ins Chinesische würde er sorgen und meine Frau könne ich auch mitbringen.

Dem Charme dieser Einladung konnten wir uns nicht entziehen und so kam es, dass wir  die Zeit der Herbstferien in der Waldorfinitiative in Beijing verbrachten.
Morgens hospitierte ich in Shoumaos 6. Klasse. Während seines Physik-Unterrichtes fiel mir auf, mit welcher Gelassenheit er zur Kenntnis nahm, dass einige Jungen in der Klasse abschalteten oder eigene Späße trieben. Er schimpfte nicht. Er machte einen Scherz. Und als alle gelacht hatten, waren auch die abgeschweiften Jungen wieder im Thema. Eigentlich logisch.

Die Epochenhefttexte entstanden aus den Gesprächen mit den Schülern. Und Shoumao füllte die Tafel  mit vielen mir fremdartigen Zeichen der chinesischen Hieroglyphenschrift.

Nach der großen Pause – die Kinder durften draußen spielen oder drinnen bleiben – nahm ich am Fremdsprachenunterrichten teil: Deutsch und Englisch. Mir fiel auf, wie  scheu die Schüler sich in diesen Sprachen äußerten.
Um das zu verstehen,  dachte ich darüber nach, dass die Schüler bei diesen Fremdsprachen in zwei für sie völlig fremde Bereiche eintauchen mussten. Einmal in den  Gebrauch der lateinischen Schrift,  eine Umstellung auf einen fast  mechanischen Vorgang, in dem man das geschriebene Wort, das bloß aus Buchstaben zusammengesetzt ist, liest.
Dagegen ist das chinesische Schreiben ein innerer Vorgang. Man sieht beim Lesen nicht Zeichen, sondern „Gedanken“. Das Schreiben ist ein Sichtbarmachen von Gedanken, nicht bloß ein Sichtbarmachen von  Lauten.
Die Zweite Schwierigkeit ist das Sprechen:  Chinesisch ist eine Tonsprache. Neben der Aussprache einer Silbe ist auch der Ton entscheidend für die Bedeutung. Das heißt: Wörter mit gleicher Aussprache aber mit unterschiedlichem Ton haben verschiedene Bedeutungen.

Das langsame Vertrautwerden mit diesen beiden fremden Bewusstseinsfeldern könnte der Grund sein, warum die Schüler sich im Fremdsprachenunterricht Deutsch und Englisch nur zögernd äußerten.

Mittags wurde ich mit dem Taxi wieder zu unserer Wohnung gebracht. Beim Blick auf den Verkehr fragte ich mich: Gibt es hier keine Regeln? Wer konnte, überholte rechts oder links. Was auf den ersten Blick chaaotisch wirkte, bekam auf den zweiten Blick die Eleganz eines Fischschwarms. Aggressionen bei Autofahrern habe ich nicht erlebt.

Unsere Gastgeber versorgten uns gut. Morgens, mittags und abends gabe es warmes Essen. Es gab keine Milchprodukte, keine Butter und keinen Käse. Und – die Chinesen essen tatsächlich mit Stäbchen. Man lernt es ziemlich schnell.

An zwei Tagen habe ich im Lehrerseminar Vorträge  über die Grundlagen der Waldorfpädagogik gehalten. Das klappte gut, löste sogar Begeisterung aus. Denn die Studierenden baten mich, mehr zu erzählen. Das lag auch an der guten Übersetzerin, einer Chinesin, die in Deutschland Germanistik studiert hatte.
In diesem Zusammenhang lernte ich auch Martin Barkhoff kennen, einen ehemaligen „Goetheanum“-Redakteur, der eigensinnig, kenntnisreich und unterhaltsam begründete, warum er sich eine Dauererlaubnis für den Aufenthalt in China beschafft hatte. Nach Rudolf Steiners Einblicken in die geistige Entwicklung  der Menschheit gingen die Impulse der Weltentwicklung bald von Russland und China aus.  Diese Entwicklung wolle er durch seine Dozententätigkeit am Waldorlehrerseminar in Peking fördern.

Shoumao und seine Frau waren daran interessiert, uns das von China zu zeigen, was eigentlich jeder Tourist auf einer Chinareise gesehen haben muss: Das Geburtshaus von Konfutse, die chinesische Mauer und in Peging die alte Kaiserresidenz, den Platz des Himmlischen Friedens. Am letzten Abend, als wir mit Geschenken überschüttet wurden, fragte mich Shoumao, ob ich nicht bald mal wiederkommen wolle.
Im Grunde, das merkten wir jetzt, war diese Einladung und die herzliche Gastfreundschaft ein Akt der Dankbarkeit. Denn wenn er damals die Epoche in meiner Klasse nicht gegeben hätte, hatte er sein Waldorfdiplom in Stuttgart nicht bekommen und eine Schul- und Seminargründung wäre ihm nicht möglich gewesen.

Kontakt

Anschrift:
IWO - Institut für Waldorfpädagogik Ottersberg
Amtshof 5
28870 Ottersberg                      
Tel.:+494205/316813            
E-Mail: iwo@frss-ottersberg.de

Seminarleitung:
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Annette Stühl
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Tel.: +494205-8310          
E-Mail: gisela-seeger@gmx.de

Trägerverein:
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