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Ist das Kunst?

Fragen an das Institut für Waldorfpädagogik Ottersberg von Peter Stühl

Herr Jahn, was hat Sie dazu veranlasst, Dozent am Institut für Waldorfpädagogik zu werden?
Ein Jahr vor der Gründung des Instituts 2010 lud mich Manfred Seeger zu einem seiner legendären Wümmespaziergänge ein, sagte geradeheraus ‚ich brauche dich‘ und erzählte mir von seinem Versprechen gegenüber den Verantwortlichen der Landesarbeitsgemeinschaft der Niedersächsischen Waldorfschulen (LAG), in Ottersberg ein berufsbegleitendes Waldorflehrerseminar zu gründen. Ich selber befand mich gerade im letzten Jahr meiner waldorfpädagogischen
Aktivjahre, und da kam mir seine Idee sehr entgegen, weil ich inzwischen auch vor der Frage stand, womit ich wohl die Unruhe in meinem bevorstehenden Unruhestand inhaltlich füllen könnte. Ich überlegte nicht lange und fand mich dann bald in der ersten Initiativversammlung wieder, wo sich die Ereignisse in Windeseile entwickelten, sodass die zielstrebige Planung einer berufsbegleitenden Ausbildung von Waldorflehrern mit vielen unterstützenden Lehrern aus dem Waldorfumfeld alsbald im September 2010 das Stadium eines tatsächlichen Beginns erreichte.

Wie kam es zu der Idee dem neugeborenen Seminar den Namen „Institut für Waldorfpädagogik“ (IWO) zu geben?
Das hatte ästhetische Gründe, Statusgründe und Zukunftsgründe. Der Name „Berufsbegleitendes Waldorflehrerseminar Ottersberg“ klingt irgendwie bieder und ist eher ein Zungenbrecher. Der Institutsbegriff lässt mehr Raum auch für alternative Entwicklungen und Perspektiven. Außerdem verspricht er Bedeutung. Tatsächlich hat sich Fritzi Tams, die bereits Malkurse bei uns gegeben hat, bald mit der Idee an uns gewandt unter dem Dach von IWO eine parallele Kunstlehrerfortbildung einzurichten. So standen wir im Herbst 2014 mit dem Clara Rilke Westhoff Seminar schon auf zwei Beinen. Leider konnte durch Fritzis frühen Tod, dieses IWO-Organ zunächst nicht weiterwachsen. Mit Manfred Seegers Einarbeitungsseminar für Lehrer, die als Klassenlehrer am Anfang ihres Waldorfschullebens stehen, gab es einen weiteren Zweig unseres Instituts und vor einiger Zeit artikulierten auch Eltern der hiesigen Waldorfschule den Wunsch, im Rahmen von IWO eine Elternschule einzurichten. Für solche Initiativen sind wir offen, und wir sind gespannt, ob auch in diese Sache Bewegung kommt.

IWO ist ein eingetragener Verein. Wie ist seine Struktur und in welchem Zusammenhang steht er zur gesamten Waldorfszene?
Der Verein bildet die rechtlich-wirtschaftliche Grundlage. Es werden ja eine ganze Menge an Geldern bewegt. Dafür bedarf es einer entsprechenden gemeinnützigen Rechtsform und man braucht Menschen, die die Vereinsregularien erfüllen. Das machen erfreulicherweise gegenwärtig u.a. Eltern der Ottersberger Waldorfschule. Die Leitung von IWO arbeitet mit dem Verein zusammen, ist von ihm aber in der inhaltlichen und personellen Organisation der Ausbildung ganz unabhängig. Wir freuen uns, dass wir hier in Ottersberg unter den Dächern der Rudolf Steiner Schule unterstützt werden und sind dankbar, dass wir so eine Heimat finden konnten. Den Kontakt und Austausch mit der weiteren Waldorfszene pflegen wir über eine institutionalisierte Zusammenarbeit mit dem Lehrerseminar in Hannover, mit den an einzelnen Niedersächsischen Schulen angesiedelten Seminaren, wie sie zum Beispiel in Göttingen, Hitzacker und Evinghausen bestehen, sowie mit der LiP (Lehrerbildung in der Praxis). Regelmäßige Treffen mit überregionalen Foren integrieren IWO in den gesamten Ausbildungskontext der Waldorfseminare.

Sie waren ca. 30 Jahre Waldorflehrer und haben eine Waldorfschule mitbegründet, Sie sind als Berater tätig, Sie arbeiten zusammen mit dem Erzieherseminar in Hannover und Sie haben Familie. Was hat sie motiviert, bei der IWO-Gründung mitzumachen?
Nach annähernd vierzig Jahren Tätigkeit im schulpädagogischen Raum, fand ich es sehr reizvoll mit erwachsenen Menschen zusammenzuarbeiten, mit ihnen meine Erfahrungen und meine Fragen an die Waldorfpädagogik zu kommunizieren und mit ihnen zu suchen, wie die Aktualität des Waldorfimpulses für die Gegenwart sichtbar gemacht werden kann. In meiner Tätigkeit als Waldorflehrer und in meinen Schul- und Kindergartenberatungen ist mir deutlich geworden, wie wichtig es ist, Waldorfpädagogik immer wieder neu zu denken. Alte Gewohnheiten auf ihre Relevanz für die Zukunft zu überprüfen und Mut zu neuen pädagogischen Initiativen zu haben. Es gibt nicht DIE Waldorfpädagogik, es gibt Menschen, die sie immer wieder neu entdecken und erfinden, weil die Kinder und ihre ureigene Lebenszeit immer wieder neue und überraschende Fragen aufwerfen. Hier mit zukünftigen Lehrern zu forschen und sie zu ermutigen, Waldorfpädagogik und ihre menschenkundlichen Erkenntnisgrundlagen zu individualisieren, ist für mich
höchst interessant und befriedigend.

Gibt es ein Motto oder eine Art Leitidee für die Ausbildung?
Schon in unseren ersten konzeptionellen Überlegungen stand ein gemeinsamer Gedanke im Raum, der sich dann zu dem Motto „Erziehungskunst ist Beziehungskunst“ verdichtete. Man verbindet mit dem Selbstverständnis der Waldorfpädagogik den Begriff „Erziehungskunst“. Die deutschlandweit an Waldorfschulen verbreitete gleichnamige Zeitschrift reaktiviert monatlich auch in Waldorffamilien dieses pädagogische Leitwort. Für die Ausbildung in einer solchen ungewöhnlichen Kunstrichtung erschien es uns bedeutsam, auf einen Kontext Bezug zu nehmen, der die Voraussetzung für Erziehen ist. Erziehen meint einerseits eine pädagogische Wirksamkeit vom Erzieher zum Kind. Andererseits gelingt ohne Beziehungsfähigkeit keine Erziehung. Für eine Ausbildung reichen keine Proklamationen. Die zentrale Frage des Lehrerseins für unsere Ausbildung stellt sich deshalb dreifach.
Erstens: Kann ich eine Beziehung zu mir selber finden, also zu meinem Erkenntnisstil, zu meiner Gefühlswelt und zu meinen Handlungsimpulsen? Das ist vielleicht die wesentlichste Frage.
Zweitens: Kann ich eine warmherzige und lebendige Beziehung zu den Kindern herstellen und schließlich, finde ich eine lebensvolle Beziehung zur Welt und zum Kosmos der Weltinhalte, also zum Unterrichtsstoff als Entwicklungsbegleiter. Sehr schön hat sich dazu Janusz Korczak, der polnische Arzt, Schriftsteller und Erzieher geäußert: Leg Rechenschaft darüber ab, wo Deine Fähigkeiten liegen, bevor du damit beginnst, Kindern den Bereich ihrer Pflichten und Rechte abzustecken. Unter ihnen bist du selbst ein Kind, das du zunächst einmal erkennen, erziehen und ausbilden musst.
Es ist gut, wenn zukünftige Lehrer hier für sich Klarheit schaffen können, wenn sie schon in der Ausbildung erleben können, wie elastisch sie seelisch sind, damit Erziehungskunst später nicht nur programmatisch, sondern auch wirklich anwesend ist. Kunst ist immer einmalig, quasi eine Schöpfung aus dem Nichts. Jede pädagogische Situation ist einzigartig. Das Künstlerische in der Pädagogik bedeutet in einzigartigen Situationen einzigartig handeln. Rudolf Steiner formuliert es so: Die Kunst überwindet die Sinnlichkeit, indem sie ihr Geist einpflanzt.

Sie beschäftigen sich während der Ausbildung auch intensiv mit Texten Rudolf Steiners. Wie kommen die Seminaristen mit den Schriften zurecht?
Teil des Grundlagenstudiums in unserem Ausbildungsplan sind u.a. Steiners erkenntnistheoretische Schriften, die Theosophie und die Allgemeine Menschenkunde. Die Arbeit mit diesen Schriften ist mit jedem Kurs, der in diese Themen einsteigt, ein neues Abenteuer und die Art und Weise wie jeder Teilnehmer sich dem Denken Steiners annähert, ist sehr verschiedenartig, individuell. Wir bemühen uns, dass diese Abenteuer nicht in das Gebiet fertiger Antworten, ewiger Wahrheiten oder fundamentaler Handlungsmuster führen. Es liegt uns daran, dass individuelle Denkerfahrungen und Erkenntniswege gesucht und erlebt werden können. Inwieweit jeder Einzelne die Plausibilität in Steiners Denken und in seinen zentralen pädagogischen Grundgedanken findet und finden kann, wie jeder zu seinem persönlichen Evidenzerlebnis mit dem Erkenntnisangebot Steiners kommen kann, das ist eine Frage der philosophischen Sensibilität und Großzügigkeit, sowohl der Dozenten, als auch der Kursteilnehmer. In einem Milieu experimentellen Denkens wagen sich die meisten Teilnehmer gerne auch in das spirituelle Neuland Rudolf Steiners, hin und wieder philosophisches Stöhnen inbegriffen. Menschen mit einer unbefangenen Erkenntnisneugier kommen damit klar, selbst wenn so manches Rätsel schwer zu lösen ist. Die Teilnehmer drücken oft aus, dass sie sehr froh sind, nicht in ein fertiges pädagogisches System hineingeführt zu werden. Dass seit der Gründung unseres Instituts bereits sechsundzwanzig von IWO zertifizierte Lehrer an die Waldorfschulen gehen konnten, davon fünf an die Freie Rudolf-Steiner-Schule Ottersberg, ist vielleicht auch ein Indiz dafür, dass Steiners „Welt“ als vertrauenswürdig erlebt werden konnte.

Kontakt

Anschrift:
IWO - Institut für Waldorfpädagogik Ottersberg
Amtshof 5
28870 Ottersberg                      
Tel.:+494205/316813            
E-Mail: iwo@frss-ottersberg.de

Seminarleitung:
Manfred Seeger (Ansprechpartner)
Annette Stühl
Jürgen Jahn
Tel.: +494205-8310          
E-Mail: gisela-seeger@gmx.de

Trägerverein:
Institut für Waldorfpädagogik Ottersberg e.V.
Vorsitzender: Frank Holle
Schriftführerin: Nadine Stolz
Kassier: Annette Stühl