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04. April 2015

Das Abschlussportfolio

Industriell und fußballerisch kommt nicht mehr viel aus Bochum. Aber neue Ideen, speziell in der Waldorf - Welt, die kamen und kommen häufig von dort. Zum Beispiel die Klassenspiele. Die Symbiose Waldorfpädagogik und Theater, die hat nicht Rudolf Steiner hergestellt, diese Idee hatten Bochumer Waldorflehrer. Aus Bochum kommt das Konzept des bewegten Klassenzimmers, und: an der Bochumer Waldorfschule wurde das Konzept des Abschlussportfolios entwickelt.

Es gibt für das Portfolio viele Begriffe, ich werde mich hier auf zwei beschränken:

  1. Das Lernportfolio, bei dem die Schüler eine erbrachte Leistung, zum Beispiel beim Feldmesspraktikum, dokumentieren und reflektieren. Die allgemeine Praktikumsbeschreibung, die Selbstreflexion und die Lehrerreflexion werden schließlich in einer Datei gesammelt, um am Ende der Schulzeit ausgedruckt werden zu können.
  2. Das Abschlussportfolio: Alle Lernportfolios werden in einer repräsentativen Mappe gesammelt und auf der 12. -Klass-Abschlussfeier den Schülern überreicht.

„… Es fiel mir am Anfang nicht leicht, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Beim Arbeiten wiederholten sich die Arbeitsabläufe und das Berechnen fiel mir immer leichter und machte mir schließlich sogar Spaß. Ich konnte anderen bei ihren Rechenproblemen helfen und sie unterstützen.“
(Ulrike V. zu ihrem Feldmesspraktikum)

Abschlussportfolio – die Geschichte

Die Waldorfschulen in Nordrhein-Westfalen haben das Portfolio vor etwa 8 Jahren aus mehreren Gründen entwickelt:

  • Immer stärker greifen staatliche Abschlussvorgaben in den Lehrplan der Oberstufe ein – wo bleibt da noch Raum für die Waldorfpädagogik?
  • Auch an Waldorfschulen zeigt sich: unsere heutigen Schüler individualisieren sich immer früher und immer stärker. Sie brauchen deshalb andere Inhalte und Unterrichtsformen als die Schüler in der Zeit von Rudolf Steiner. Was liegt also näher als das Portfolio, das eine weitgehende Individualisierung des Lernens ermöglicht? Es legt zudem die Verantwortung für den Lernprozess in die Hand des einzelnen Schülers!
  • Das Lernportfolio nimmt Rücksicht auf Fähigkeiten und Lerntempi der einzelnen Schüler. Nicht um eine allgemein gültige Messlatte geht es, sondern um die Freisetzung der individuellen Möglichkeiten der Schüler – was ist also besser zur Binnendifferenzierung geeignet als Portfolio?
  • Als ferne Zukunftsmusik klingt die Perspektive eines eigenen Waldorfabschlusses, der gleichberechtigt neben den staatlichen Abschlüssen steht und der genauso zum Hochschulstudium berechtigt wie das staatliche Abitur (bisher ist das erst in Neuseeland möglich, also nicht gerade nebenan).

„Mein Verhältnis zur Berufswelt hat sich insofern verändert, da ich jetzt weiß, wie hart es ist, jeden Tag so lange zu arbeiten. Mein Berufswunsch hat sich kaum verändert. Nur, dass ich mir sicher bin, etwas im Bereich Management zu lernen.“
(Anja M., 11. Klasse, zu ihrem Berufspraktikum)

Abschlussportfolio – warum?

Bei der Portfolio-Methode geht es um den Lernprozess, und der verläuft bisher bei den Schülern häufig unbewusst - und einseitig. Abgesehen von den Facharbeiten, die thematisch freilassender sind, ist der Arbeitsablauf so: Die Lehrer stellen eine Aufgabe (Arbeitsauftrag nennt sich das in der Oberstufe), der Schüler erfüllt sie und bekommt dafür eine Bewertung. Ist die Bewertung gut, freut sich der Schüler, wenn nicht, ärgert er sich. Lernerfolg?
Beim Lernportfolio geht es um die Bewusstwerdung des Lernprozesses: Warum habe ich ein bestimmtes Thema gewählt? Was will ich bei dieser Arbeit lernen? Wie habe ich mir das Thema erarbeitet, wie bin ich vorgegangen? Wo lagen die Schwierigkeiten? Wie habe ich sie überwunden, oder: Warum habe ich sie nicht lösen können? Welche Fähigkeiten habe ich während des Arbeitsprozesses an mir entdeckt? Was würde ich beim nächsten Mal besser machen?
Portfolio ist also eine Individualisierung des Lernprozesses: ich gebe mir selbst die Aufgaben (nach meinem Leistungsvermögen), ich stecke mir meine Ziele selbst und ich beurteile hinterher, wie ich sie umsetzen konnte. Es geht dabei weniger um ein Ergebnis, als um einen Kompetenzgewinn. 

Portfolio ist aber auch ein Dialog zwischen Lehrer und Schüler: ich als Lehrer beurteile nicht mehr nur nach den von mir vorgegebenen Kriterien, sondern reflektiere dem Schüler, wie ich seinen Lernprozess wahrgenommen habe: Hat er meiner Meinung nach das umsetzen können, was er sich vorgenommen hat? Ist er leistungsmäßig an seine Grenzen gegangen? Habe ich Qualitäten an dem Schüler entdeckt, die ihm selbst noch nicht klar geworden sind? Nebenbei: meine Lehrerbrille verändert sich: Ich achte viel stärker auf die Qualitäten als auf die Mängel – Schatzsuche statt Fehlerfahndung!

Wie die Erfahrungen an Waldorfschulen in Nordrhein-Westfalen zeigen, wo das Abschlussportfolio bereits seit mehreren Jahren angewandt wird, hilft das Abschlussportfolio bei Bewerbungen. Natürlich wird kein Schüler seine Portfolio - Mappe verschicken. Aber sobald er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird, sollte er sie unbedingt dabei haben – in fast allen Fällen hinterlässt sie großen Eindruck, in vielen Fällen gibt sie den Ausschlag; denn wodurch sonst kann ein Personalchef in wenigen Minuten einen Bewerber so gut kennen lernen?
 Das Portfolio umfasst also zwei Zeitebenen: die Gegenwart, das heißt die Entwicklung eigener Lernwege; und die Zukunft, das heißt eine abschließende und vorzeigbare Dokumentation der schulischen Leistungen.

 „… Die Herausforderung lag darin, auch an schwierigen Stellen selbstbewusst zu spielen.(...) Die kontinuierliche Vorbereitung mit diesem Ziel brachte mich zu einer Qualität, die auch unter der Stresssituation der Aufführung nicht verloren ging. Mit der Erfüllung meines musikalischen Anspruches konnte ich einen Fortschritt in meiner Ausbildung auf dem Cello machen.“
 (Jonas J., 9. Klasse, zur Orchesterarbeit)

Das Abschlussportfolio – wo kommt es zur Anwendung? 

Natürlich nur in wenigen Bereichen, vor allem dort, wo es Lernfreiräume gibt und die Aufgaben umfassend und langwierig sind. Deshalb bieten sich zum Beispiel die Praktika sehr viel eher an als Englischvokabeln oder Textwiedergaben.
 Wir werden die Portfolio-Methode ab der 9. Klasse anwenden. Das heißt, die Schüler schreiben zum Landwirtschaftspraktikum, zur Biographiearbeit, zur Quartalsarbeit, zum Feldmesspraktikum, zum Sozialpraktikum, zur Facharbeit, zum 12. Klass-Spiel und zum Eurythmieabschluss nicht nur, was sie getan(inhaltliche Ebene), sondern, wie sie es getan haben(Selbstreflexion).
 Das schließt Erweiterungen nicht aus: Ein Lernportfolio über die Arbeit im Schülerrat? Mitarbeit bei den „Einblicken“? Für die zuverlässige Beleuchtung der Klassenspiele durch die Mitarbeit in der FSET?

„Beim Malen ist mir aufgefallen, dass es sehr schwer ist, alles 100 %- ig genau zu kopieren und alle Striche so zu ziehen wie Picasso. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er selbst nicht genau wusste, wo er welchen Strich hinmalen wollte.(...) Vor dem Beginn hatte ich etwas Angst, weil ich vorher noch nie mit Ölfarben gemalt habe, und ich deshalb nicht wusste, wie ich am besten beginnen oder wie ich die Farbe mischen sollte.“
(Sarah B., 11. Klasse, zu ihrem Malprojekt) 

Wie werden wir das Abschlussportfolio umsetzen?

Behutsam. Das bedeutet, es wächst ab der jetzigen 10. Klasse hoch. Einige Schüler der Abschlussklassen davor schreiben am Ende der 12. Klasse einen schulischen Rückblick, in dem sie zusammenfassen, welche essentiellen Lernerfahrungen sie an unserer Schule gemacht haben.
 Unter Schülern, aber auch unter den Kollegen müssen noch Vorbehalte abgebaut werden, zum Beispiel davor, dass Portfolio mit großem Mehraufwand verbunden ist – was nicht sein muss.

„In der 12. Klasse habe ich gemeinsam mit D. die Improvisationstheatergruppe geleitet.(...) Jüngere Spieler neigen dazu, nicht viel zu reden oder zu gestikulieren, daher habe ich eine Situation geschaffen, in die die Spieler einsteigen konnten. Ich habe Situationen geschaffen, in denen die Jüngeren ins spontane Spielen kommen konnten, statt Szenen vorher zu konstruieren.“
(Persönliches Portfolio von Herbert M., 12. Klasse, zu seiner Mitarbeit in der Improvisationstheater- AG)

Die kursiv gesetzten Texte sind Selbstreflexionen von Bochumer Waldorfschülern, entnommen den Handbuch von Frank de Vries: „Kompetenznachweis und Lernbegleitung in Waldorfschulen“.

„Glück auf, Bochum!“ „Glück auf, Ottersberg!“
(Herbert Grönemeyer) Thomas Beirle

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